Gehörschutz – was bedeutet das eigentlich?

Geräusche mit einer Lautstärke von über 85 dB beinhalten – abhängig von der Einwirkdauer – Gefährdungspotenzial für unseren Hörsinn. Es sind aber weniger das Trommelfell und die Gehörknöchelchen im Mittelohr gefährdet als vielmehr die empfindlichen inneren und äußeren Haarzellen in der Hörschnecke (Cochlea) im Innenohr. Sie sind als sogenannte Mechanorezeptoren für die Übersetzung der Geräusche in elektrische Nervenimpulse zuständig, differenziert nach Frequenz und Lautstärke. Bestimmte Zentren im Gehirn setzen aus den Nervenimpulsen den Höreindruck zusammen. Der Höreindruck wird mit den Meldungen anderer Sinneseindrücke wie dem Sehen verglichen und häufig ein wenig manipuliert, um im Falle von Sinneskonflikten Kompatibilität herzustellen. Im Konfliktfall „glaubt“ das Gehirn meist den visuellen Eindrücken und passt alle anderen Sinneseindrücke entsprechend an.

Eine vollkommen andere Zielsetzung verfolgt der Gehörschutz vor Lärm unterhalb des unmittelbaren Gefährdungspotenzials. Für viele Menschen ist nicht einsichtig, warum sie in einem lärmbelasteten Umfeld, das keine direkte Gefahr für ihr Gehör beinhaltet, einen Gehörschutz tragen sollten. In der Tat hat der Lärmschutz in diesem Umfeld eine ganz andere Bedeutung. Geräusche werden ständig vom Gehirn auf mögliche Gefahrenquellen oder sonstigen Informationsgehalt abgescanned, um möglichst unmittelbar reagieren zu können. Bei einer erkannten Gefahr wird ein regelrechter Adrenalinschub ausgelöst, der den Körperstoffwechsel durcheinander wirbelt und den Körper auf sofortige muskuläre Höchstleistung für Flucht oder Angriff programmiert. Ein anhaltend lauter Geräuschpegel, der vom Gehirn nicht genau eingeordnet werden kann, beantwortet es mit der vorsorglichen Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Das funktioniert auch während des Schlafs. Wenn die Situation häufig eintritt, stellen sich chronische Stresssymptome wie Bluthochdruck und viele andere ein. Lärmschutz gegen Geräuschpegel, die sich unterhalb der unmittelbaren Gefährdungsgrenze bewegen, ist daher ebenso wichtig wie der unmittelbare Schutz des Gehörs.

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